German Church School Addis Abeba « Jedem eine Chance  «

Holz ist ein besonderer Stoff - neue Lehrwerkstatt an unserer Schule

hammer-200pxBernd Schuster ist nach Addis Abeba gezogen. Der Esszimmerschrank, den er mitgebracht hat, müsste um 20 Zentimeter gekürzt werden, damit er ins Zimmer passt. Einen Schreiner, der ihm das ordentlich macht, hat er noch nicht gefunden. Sara Mengistes Waschmaschine läuft nicht richtig. Drei Handwerker hat sie schon im Haus gehabt, geholfen haben die nicht. Äthiopier und Ausländer klagen darüber, dass es zu wenig Handwerker gibt und der Ausbildungsstand schlecht ist.

Nach der zehnten Klasse möchte Eyob einen praktischen Beruf erlernen. Etwas mit Metall schwebt ihm vor. Ob er schon einmal eine Feile in der Hand gehabt hat? Ob er schon einmal zwei Kupferdrähte zusammen gelötet hat? Fehlanzeige. Interesse hat er schon, aber praktische Erfahrungen dieser Art sind in den äthiopischen Kindergärten und Schulen nicht vorgesehen.

Dabei bräuchte das Land gute Handwerker. Der Bauboom ist offensichtlich, aber auch schlecht schließende Türen, schiefe Fenster, vermurkste Reparaturarbeiten. Wer mit Händen und Kopf arbeitet, gilt und verdient nicht viel. Ob die Arbeit sauber und ordentlich ausgeführt wird, wird zu selten kontrolliert. Hauptsache es ist irgendwie gemacht.

Das Problem fängt ja schon in früher Jugend an. Fingerfertigkeit, gutes Augenmaß, Spaß am Umgang mit Materialien, Kreativität in Holz oder Metall werden nicht ausreichend gefördert. Die Schulbildung konzentriert sich zu sehr auf die akademischen Fächer. Aber nicht alle Schülerinnen und Schüler sind zum Hochschullehrer geboren.

In der Tradition des deutschen Werkunterrichts und des Handwerks in Mitteleuropa will die German Church School in ihrer Ausbildung einen neuen Akzent setzen. Eine Lehrwerkstatt soll Schülerinnen und Schülern neue Erfahrung ermöglichen, sie in praktischen Fertigkeiten unterrichten. Viele, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz heute als Schreinerinnen, Mechatroniker oder Kraftfahrzeug-Elektriker ihr Geld verdienen, haben erste Erfahrungen im Fach „Werken“ an der Schule gemacht. Aber auch viele Akademiker sind sich nicht zu schade, den Ausbau der Dachwohnung, den Wechsel der Winterreifen oder die Reparatur der Stehlampe selbst in die Hand zu nehmen.

Es geht nicht in erster Linie darum, eine Handwerkslehre vorzubereiten. Die German Church School und der Kirchenvorstand sehen den neuen Arbeitszweig als Beitrag zu einer umfassenden Ausbildung der Schülerinnen und Schüler. Schon die eigene Auseinandersetzung mit der Art und Struktur eines Holzstücks ist eine Erfahrung für sich. Vielleicht beginnt Klasse 7 im Schuljahr 2016 / 2017 mit dem Schnitzen eines Löffels. Ziel ist nicht das heimische Metallbesteck zu ersetzen, sondern an einfachen Alltagsgegenständen den Umgang mit Material und Möglichkeiten eigener Gestaltung und Formgebung zu lernen. In gewisser Weise wollen Gemeinde und Schule damit an Elemente der Waldorfpädagogik anknüpfen.

Im Juni 2015 hat der Kirchenvorstand dem Bau der Lehrwerkstatt neben dem Pfarrhaus grünes Licht gegeben. Das belgisch-äthiopische Architektenehepaar Tadesse – Cooman kann jetzt die Planungen abschließen und den Ausschreibungsprozess vorbereiten. Viele Diskussionen über Gestaltung und Materialien waren vorausgegangen. Es soll ja ein schönes Gebäude werden, praktisch und hell. Die jungen Äthiopier sollen gerne dorthin gehen, um etwas Praktisches zu lernen. Andererseits müssen die entstehenden Kosten begrenzt werden, von vorneherein sollen Folgekosten gering gehalten werden.

 

Ein Film vom Modell der neuen Lehrwerkstatt 

 

Jetzt suchen wir Partner für den Innenausbau. Das Gebäude soll im Februar 2016 fertig sein, bis zum Anfang des neuen Schuljahres ist da noch ein halbes Jahr Zeit. Dann müssen Schränke installiert, Werk-bänke gekauft, Werkzeuge und Materialien erworben werden. Wir suchen nach Förderern, die uns bei diesem ehrgeizigen Projekt unterstützen. Ohne unsere Freunde in Deutschland geht es dabei nicht.

Bisher gibt es in Äthiopien kaum Erfahrungen mit dem Fach „Werken“ an Schulen. Wohl mahnt das Erziehungsministerium immer wieder praktische Fähigkeiten an, aber genau an der Umsetzung hapert es. Schon die Entwicklung des Lehrplans hat hier vor Ort kein Vorbild. Erfahrungen aus Deutschland liegen ja vor, aber die müssen angepasst werden. Wir können hier nicht einfach in einen Baumarkt rein spazieren und gerade mal 50 Stuhlwinkel kaufen. Wohl gibt es Lehrer in der Berufsschulausbildung, aber sind die bereit ihre Erfahrungen für unsere Bedürfnisse zu modifizieren?

In mancherlei Hinsicht betreten wir mit unserem Pilotprojekt Neuland. Denn eine wichtige Tradition unserer Schule soll fortgeführt werden, die Inklusion unserer behinderten Schülerinnen und Schüler. Auch die Blinden und Sehbehinderten sollen am Fach Werken teilnehmen. In den akademischen Fächern haben wir über 40 Jahre Erfahrung, in der praktischen Ausbildung werden wir manches neu entwickeln müssen. Teamwork wird ein Schlüsselbegriff sein. Blinde und Sehende werden in Gruppenarbeit an einem Objekt arbeiten. Während die Sehenden zum Beispiel das Aussägen der Seitenwände der Holzkiste übernehmen, bearbeiten die Blinden dann mit Schmirgelpapier die Ecken und Kanten. Die langjährige gute Erfahrung in der Zusammenarbeit ermutigt uns,

Neben der finanziellen Förderung könnten wir hier vor Ort auch noch gut praktische Erfahrung aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz gebrauchen. Die Schule stellt gerade eine pädagogische Arbeitsgemeinschaft „Werken“ zusammen. Ein Werklehrer aus Europa, der seine praktischen Erfahrungen einbringt, wäre ein echter Gewinn -erst recht natürlich in der Anfangsphase im Herbst 2016. Vielleicht hilft uns ja eine Handwerkskammer einen Lehrer zu finden und zu finanzieren.

„Den Armen eine Chance!“ Mit dem neuen Fach „Werken“ wollen wir dieser Leitlinie unserer Schule einen neuen Arbeitszweig hinzufügen. Auch die Lehrwerkstatt wird dazu beitragen, dass Kinder, die sonst nur schlechte Aussichten auf eine gute Zukunft hätten, eine echte Chance bekommen. Helfen Sie uns, damit wir mehr helfen können!

Karl Jacob