German Church School Addis Abeba « Jedem eine Chance  «

Blinde in Ӓthiopien - eine wenig beachtete Gesellschaftsschicht

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Ich war schon einige Male zu Besuch in Äthiopien gewesen und wie jedem anderen Reisenden ist mir die ungewohnte Anhäufung an Menschen mit Behinderungen in Addis Abeba schnell aufgefallen. Am Straßenrand sind die vielen, an Poliomyelitis erkrankten Menschen unübersehbar eine Krankheit, die in Deutschland längst als ausgerottet gilt.

 Als ich mich dann im Rahmen meines Lehramtsstudiums an der LMU München für das Thema meiner Zulassungsarbeit zum Staatsexamen entscheiden musste, schien mir das als eine ausgezeichnete Gelegenheit. Ich wollte nicht nur die Zahlen und Statistiken über Kinder mit Behinderungen in Ӓthiopien durchkämmen, sondern auch ihre Geschichten hören, ihre Wünsche ergründen und die alltäglichen Probleme erfahren, mit denen sie sich konfrontiert sehen. Nicht zuletzt interessierte mich auch ihre Wahrnehmung ihrer eigenen Zukunftsperspektiven.

Mit diesen Zielen wandte ich mich an Herrn Jacobi. Die German Church School war mir als eine der ersten Schulen in Ӓthiopien bekannt, die Kinder mit Behinderungen aufnahm. Ich bat darum, den Kindern mit Behinderungen an der German Church School meine Fragen stellen zu dürfen. Einige Monate später machte ich mich dann, mit meinen Fragen im Gepäck auf den Weg nach Addis Abeba.

Die erste Überraschung war für mich die große Bereitschaft der Kinder mit mir zu sprechen. Ich stellte fest, dass die Kinder einen unglaublichen Redebedarf haben. Ihnen war es keineswegs peinlich oder unangenehm über ihre Situation zu sprechen, sondern sie sahen endlich eine Gelegenheit einiges los zu werden.

Am meisten überraschten mich Ihre Antworten auf die Frage: ‚Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre er?‘ Ich war mir sicher, dass die Kinder sich wünschen würden wieder gehen oder sehen zu können. Die Antwort der meisten Kinder war jedoch genauso ernüchternd wie traurig- sie hatten sich über einen besonderen Wunsch noch nie Gedanken gemacht. Auch auf weiteres nachbohren, ob die Kinder denn gerne irgendetwas besonderes haben würden oder gerne an einem bestimmten Ort wären, antworteten die meisten schlicht, dass sie keinen Wunsch hätten.

Schockierend fand ich dagegen einige Geschichten, die die Kinder auf die Frage wie denn Menschen mit Behinderungen in Ӓthiopien behandelt werden, erzählt haben. Mehrere der blinden Kinder erzählten, dass Menschen auf der Straße sie manchmal am Arm nehmen und so tun als ob sie Ihnen über die Straße helfen würden. In Realität rauben die vermeintlichen Helfer die Kinder aus und klauen ihnen Geld und Handy. Wenn die Diebe das bestohlene Kind am nächsten Tag wieder sehen, lachen sie es laut aus, weil es ja eh nichts gegen sie tun kann.

Andere beschwerten sich über die neue Metro, die quer durch die Stadt gebaut wird. Dafür würden überall in der Stadt tiefe Löcher gegraben, die weder gesichert, noch wieder zugeschüttet werden. Solche Löcher stellen große Gefahren für blinde Kinder dar, die meistens keinen Blindenstock besitzen. Einige Kinder berichteten von Bekannten, die dadurch sogar zu Tode gekommen seien.

Des Weiteren wurde mir berichtet, dass sich die staatlichen Schulen durch miese Tricks weigern würden, behinderte Kinder einzuschreiben- trotz der offiziellen Pflicht dazu. Sie würden vorgeben, keinen Platz für weitere Kinder zu haben oder würden die Kinder von Behörde zu Behörde schicken.


blind01-400pxDer Schulweg der Kinder war eine weitere Überraschung. Einige der blinden Kinder gaben an, alleine zwei Stunden zu Fuß zur Schule zu gehen. Sie wissen sich zu helfen- die meisten kennen den Weg auswendig und haben nur in großen Menschenmassen Orientierungsprobleme. Während die einen von Ihren Eltern oder Familienmitgliedern in die Schule gebracht werden, werden die anderen von ihrer Familie regelrecht verpönt.

Ein äthiopischer Aberglaube besagt, dass die Behinderung eines Kindes ein Fluch ist- eine Strafe für etwas, dass die Eltern getan haben. Während mir einige Lehrer sagten, dass dieser Aberglaube veraltet und überholt sei, erzählten mir andere, dass er sehr wohl noch Realität sei und für manche behinderten Kinder bedeute, dass sie ihr Leben lang vor der Gesellschaft versteckt oder zum Betteln ausgebeutet würden.

Unerwartet waren ebenfalls die sehr ambitionierten Berufswünsche der Kinder, die auf eine sehr positive Selbsteinschätzung der eigenen Zukunftsperspektiven trotz ihrer aktuell harten Lebensbedingungen hindeuten. Die top- five der Berufswünsche waren Anwalt, Arzt, Journalist, Lehrer und eine eigene Wohltätigkeitsorganisation für Menschen mit Behinderungen zu gründen.

Mein Fazit aus meinen Gesprächen mit den Kindern ist, dass die German Church School den Kindern eine Perspektive und Hoffnung in einer Gesellschaft gibt, in der Menschenwürde schon für nicht behinderte Menschen ein Fremdwort ist. Sie lernen zu Lesen und zu Schreiben und fühlen sich somit normal und wertvoll. Obwohl die meisten von ihnen ein sehr hartes Leben führen, gibt ihnen die German Church School große Hoffnung für ihre Zukunft. Die Schule gibt ihnen ein neu gewonnenes Selbstbewusstsein und ist ein wichtiger Grundbaustein für das Umdenken einer ganzen Gesellschaft.

Wie eins der Kinder sagte: ‚Ich war unsichtbar bevor ich hierher kam. Hier bin ich ein ganz nomales Kind.‘

Melissa Meindl