German Church School Addis Abeba « Jedem eine Chance  «

Die Reportage: Arme Kinder, armes Land - und die Deutsche Schule

German Church School - Schulfrühstück

In Äthiopiens Hauptstadt Addis lernen seit vierzig Jahren Kinder aus den Slums, seit einigen Jahren auch mit blinden Kindern, die von den sehenden gefördert werden.

 

 

 

 

Die Freude am Lernen ist den Mädchen aus den Hütten Addis Abebas anzusehen. Die Deutsche Schu-le, in der seit einigen Jahren auch blinde Kinder lernen können, ist eine Oase in der lärmenden Milli-onenstadt. Foto: Paul-Josef Raue Die Freude am Lernen ist den Mädchen aus den Hütten Addis Abe-bas anzusehen. Die Deutsche Schule, in der seit einigen Jahren auch blinde Kinder lernen können, ist eine Oase in der lärmenden Millionenstadt.

 

Die Schule ist aus. Aber die Schüler wollen nicht nach Hause gehen. Die Lehrer müssen die Kinder regelrecht nach Hause treiben. Was ist das für eine Schule, in die alle Kinder so gerne gehen? Was ist das für eine Schule, die den Kindern zur Heimat geworden ist?

Die Deutsche Schule in Addis Abeba ist eine Oase in der lärmenden Millionenstadt, die chaotisch ist und heiß, aber auch grün und lebendig. Arme, sehr Arme und Wohlhabende leben noch nebenei-nander: Hochhäuser und Villen, mit Stacheldraht und Stromdrähten gesichert, daneben Hütten, nur einige von ihnen mit Satellitenschüsseln auf dem Dach.

Für die Wohlhabenden und Reichen gibt es in Äthiopien die teuren privaten Schulen; für die Armen gibt es zwar staatliche Bildung; aber nur die Hälfte der Kinder erreicht überhaupt das Ende der Grundschule, nicht einmal jedes dritte Kind lernt weiter.

Der Bildungshunger der armen Kinder ist groß

Für die ganz Armen, für die Kinder aus den Hütten, ist die Deutsche Schule da, vor 40 Jahren von der evangelischen Gemeinde gegründet. Wer sie besucht, mitten in Addis, sieht 1200 Schüler in ihren blau-gelben Uniformen, sieht meist strahlende Augen, bekommt viele Hände zu drücken - und reibt sich die Augen: Ja, so begeisternd kann Schule sein - wenn Kinder wissen, dass sie nicht nur ein Früh-stück bekommen und Milch an zwei Tagen in der Woche, sondern dass sie hier ihre Zukunft greifen, dass sie sich aus den Slums befreien können und dass sie den ersten Zipfel von Zufriedenheit packen, wenn nicht sogar vom Glück.

Vielen Eltern in den Slums ist der Bildungshunger ihrer Kinder unheimlich; manche Väter, die keine Arbeit haben, macht er sogar aggressiv. Zwei Drittel der erwachsenen Äthiopier kann nach einem Be-richt der Weltbank nicht lesen und schreiben, in den Vierteln der Armen dürften es noch mehr sein.

Gleichwohl ist die Zahl der Bewerber ungleich höher als die Zahl der Schüler, die die Deutsche Schule aufnehmen kann: Nur der hat eine Chance, der so arm ist, dass seine Eltern das Schulgeld für die staatliche Schule nicht bezahlen können; nur wer sechs oder sieben Jahre alt ist und in einem Um-kreis von drei Kilometern wohnt, kommt auf die Bewerber-Liste.

Eine Kommission besucht die Eltern in den Slums - und mancher Deutsche, der in Äthiopien arbeitet, wird so zum ersten Mal mit der Armut konfrontiert in einem der ärmsten Länder der Welt - das zwar den halben Kontinent ernähren könnte, aber nicht einmal ein Drittel der eigenen Bevölkerung aus-reichend versorgen kann.

Die Eltern bleiben ein Thema für die 24 Lehrer, den Sozialarbeiter und die Krankenschwester an der Schule. Merdassa Kassaye ist einer der Lehrer, er unterrichtet auch Deutsch, die als eine der Fremd-sprachen gewählt werden kann.

"Die Kinder sprechen mit uns über die Probleme in ihren Familien. Oft müssen sie hungern, beson-ders wenn der Vater arbeitslos wird und das Geld nicht einmal für die Miete reicht." Vor allem die Mädchen leiden: Sie müssen zu Hause hart arbeiten und haben keine Zeit, ihre Hausaufgaben zu er-ledigen - und sind trotzdem Opfer von Gewalt, die immer vom Vater ausgeht.

Der Vater gerät, wenn er die Arbeit verliert, oft in einen Teufelskreis: Er kaut die Blätter und Zweig-spitzen der Kath-Pflanze, einer relativ preiswerten Droge, die seit Jahrtausenden in Äthiopien be-kannt ist, das Hungergefühl dämpft und ähnlich wirkt wie das Amphetamin in der Modedroge Speed.

So besuchen die Lehrer jeden Freitag die Eltern der Schüler. "Wir schauen uns beispielsweise an, wie die Mädchen schlafen", berichtet Merdassa Kassaye. "Manche schlafen auf dem Boden, wir besorgen ihnen eine Matratze. Die meisten haben keinen Schreibtisch und machen ihre Hausaufgaben im Bett; wir besorgen ihnen einen Tisch."

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Die Lehrer helfen auch den Eltern. "Wenn sie ein stabiles Einkommen haben, werden die Kinder so-fort besser in der Schule." Die Schule verleiht zinslose Mikro-Kredite bis zu hundert Euro; das reicht, um ein kleines Geschäft zu eröffnen, eine Bäckerei oder eine Holz-Werkstatt. Die Schule hat auch eine Maschine für Holzarbeiter angeschafft: Ein Kriegsveteran, der ein Bein verloren hat, zeigt Eltern wie Schülern, wie sie einen Schrank oder einen Stuhl herstellen können.

Seit einigen Jahren nimmt die Deutsche Schule auch blinde und sehbehinderte Schüler auf, die ge-meinsam mit den anderen Schülern lernen. Lehrer haben die Braille-Schrift, mit der Blinde die Wör-ter ertasten können, extra für die Landessprache Amharisch entwickelt - die aus 276 Buchstaben be-steht.

Das gemeinsame Lernen, "Inklusion" genannt, gelingt ohne Schwierigkeiten - anders als beispielswei-se in Thüringen, wo Lehrer wie Eltern über Probleme klagen. In der Deutschen Schule von Addis be-kommt ein blindes Kind einen Paten aus seiner Klasse, der ihm jederzeit hilft: Freiwillig melden sich immer mehr Schüler, als Paten benötigt werden - und meist sind es die Klassenbesten.

Der Erfolg der Schule ist unglaublich: Wenn die Schüler die ersten acht Klassen durchlaufen haben, wechseln fast alle zur weiterführenden staatlichen Schule oder auf eine Berufsschule; auch während dieser Zeit hilft ihnen die Schule. Anschließend besuchen viele die Universität - auch mit Erfolg.

Einer der Absolventen, eine blinder, hat Karriere als Staatsanwalt gemacht und ist Sprecher der Staatsanwälte in Äthiopien.

Die Absolventen schließen den Himmelskreis: Sie fördern die Schule, kaufen Bücher und Schulmateri-alien und spenden Geld für Projekte wie den Kindergarten, Förderunterricht oder die Erweiterung der Schule.

Viele Schulen wie die Deutsche braucht das arme Land, das nach dem Ende eines kommunistischen Schreckens-Regimes den chinesischen Weg geht: Staats-Kapitalismus mit einem Hauch von Demokra-tie.

Als Bundespräsident Gauck vor einem Jahr Äthiopien, das Sitz der Afrikanischen Union ist, besuchte, sprach er die Verletzung der Menschenrechte an und den Mangel an Freiheit. Der Ministerpräsident hörte sich in Addis den deutschen Demokratie-Lehrer freundlich an und sagte nur: Wir haben hier eine andere Vorstellung von Politik.

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Aber an einem wird Äthiopien nicht vorbeikommen: Nur Bildung gibt den Menschen und dem Land Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf Wohlstand und Freiheit.

Was wir von der Schule in Addis lernen können

  • Das gemeinsame Lernen mit behinderten Schülern gelingt auch ohne Sozialarbeiter und hohen Auf-wand. Wenn ein blinder Schüler einen sehenden Klassenkameraden als Paten bekommt, gewinnen alle: Der Blinde und die Sehenden, die Schüler, die Lehrer und die Gesellschaft. Soziales Lernen, also: Gemeinsamkeit, Solidarität und Respekt, ist genau so wichtig wie das Kopf-Lernen für Pisa-Tests.
  • Die Schule ist ein Ort, an dem sich alle Schüler (und Lehrer) wohl fühlen weil sie wissen: Es ist ein Pri-vileg, lernen zu dürfen; es ist der Weg in meine gute Zukunft; es ist der Weg in die gute Zukunft meines Landes.
  • Nur wenn die Lehrer intensiv und regelmäßig mit den Eltern sprechen und ihnen, wenn notwendig, auch helfen, werden aus Schülern gute Schüler.

Text: Paul-Josef Raue
Fotos: Paul-Josef Raue

aus der Thüringer Allgemeinen vom 1.3.2014