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Glücksmomente in Sozialprojekten

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17 Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Sandhausen besuchten Äthiopien – Fremde Traditionen, einprägsame Eindrücken und kulturelle Grenzerfahrungen

 

 

Von Benjamin Miltner, Nicolas Lewe und Tillmann Bauer

Das kann ja heiter werden! "Dieses Ding hätte bei uns nie und nimmer TÜV bekommen", ist Hannah beim Anblick des ausgewählten Busses erst skeptisch. In so einer klapprigen Kiste sollen die 17 Schüler und zwei Lehrer aus Sandhausen wirklich fahren? Ernsthaft? Ernsthaft. Wenige Minuten später sitzt die Gruppe im Bus. Sie trennt eine Mauer aus Koffern, der Rest des Gepäcks ist auf das Dach geschnallt. Ihre Blicke passieren Wellblechdachsiedlungen auf der einen, moderne Straßen und Hochhäuser auf der anderen Seite. Männer, die in ihrer Mittagspause auf Bänken liegen. Männer, die in die offenen Fenster des Busses hereingreifen - oder gleich aufspringen.

Hallo Großstadtdschungel. Hallo Addis Abeba. Hallo Äthiopien.

Hier verbringen die Jugendlichen aus der Kursstufe 1 des Sandhäuser Friedrich-Ebert-Gymnasiums (FEG) 19 Tage. Sie absolvieren ihr Sozialpraktikum in Afrika, andere machen das eben mal im Seniorenheim um die Ecke. Das Ziel dabei? "Wir führen die Schüler an ihre Grenzen, gerade emotional", erklärt Peter Schnitzler. Der Schulleiter ist zum ersten Mal mit in Äthiopien. "Man macht hier Erfahrungen, die man sich anders vorgestellt hat - oder gar nicht."

Wie eben die erste Busfahrt - und die ist nur der Abenteuer-Anfang. Das Programm ist pickepackevoll. Arbeit in den Sozialprojekten, Besuch von Hilfseinrichtungen, Ausflüge mit den Partnerschülern: Die Sandhäuser erforschen das Leben der Hauptstadt, den Alltag des Entwicklungslandes - und sich selbst.

Sie lernen dabei viel. Saugen Neues auf, werfen Bekanntes über Bord. Zum Beispiel beim Essen. Chili, Ingwer, Peperoni: Das gilt für Deutsche als feurig - die Äthiopier lächeln mild darüber. "Ich esse sehr gerne scharf", erzählt der 15-jährige Philipp. Neugierig hat er also alles probiert, was es als Beilage zum Nationalgericht Injera - einem Sauerteig-Fladenbrot aus dem äthiopischen Getreide Teff - so gibt. Das Ergebnis? "Für uns war selbst die harmloseste Soße viel zu intensiv", gibt der 15-Jährige zu. "Die Äthiopier haben dafür stinknormales Kaugummi von uns bekommen - und sind vollkommen ausgerastet." Sachen gibt’s. So anders können Geschmäcker sein.

Stundenlange Kaffeezeremonien? Füttern durch den Schulfreund? Zuhause unvorstellbar, in Äthiopien Tradition. Das nennt man Kultur. Die ist überall anders - und das merken die Sandhäuser schnell. "Meine Partnerin hat mir die Hände gewaschen", erzählt Berit. "Für sie war es ein wichtiges Ritual, Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll." Es fiel der 16-Jährigen schwer zu vermitteln, dass ihr das unangenehm ist.

Auch sonst entdecken die Schüler Unterschiede. "Es gibt hier kaum kritische Meinungen", meint Berit. "Keiner redet negativ über andere, über Politik am besten gar nicht." Hannah fällt auf: "Unsere Partnerschüler sind wie Brüder und Schwestern. Und die Äthiopier sind die höflichsten und gastfreundlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe", bewundert die 17-Jährige. Da sind aber auch viele Gemeinsamkeiten. "Wir haben viele gleiche Interessen und Themen, Fußball ist zum Beispiel ein großes Hobby", erzählt Dhruv. "Eigentlich sind sie genau wie wir."

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Zum Beispiel, wenn es darum geht, sich über Kleinigkeiten zu freuen. Glücksmomente, die die Sandhäuser bei ihren Sozialprojekten erleben. "Es macht mir und den Kindern sehr viel Spaß, vor allem wenn wir Papierflieger basteln", erzählt Isabel. Die 16-Jährige arbeitet im "House of mercy", einer Einrichtung für Kinder mit Behinderung. "Wir haben erfahren, dass die Kleinen daheim angebunden werden", berichtet Isabel. "Behinderte haben dort ein besonders schweres Leben - aber die Kleinen trotzdem immer ein Lächeln im Gesicht." Hannah erzählt von Kindern, die in einem Waisenhaus geschlagen werden. "Das ist in ihrem eigenen Verhalten wiederzuerkennen und grenzwertig", sagt sie. "Die Kinder hauen, beißen, spucken Essen aus - und dennoch sind sie total süß."

Entwicklungsland Äthiopien: Welt der Widersprüche und der Armut. Das erfahren die Sandhäuser besonders intensiv beim "Homevisit" bei ihren Partnerschülern. Alexandra erzählt von einer Lehmhütte mit Wellblechdach, einem Raum für die auf einem Auge blinde Mutter und ihre drei Kinder, vom Vater keine Spur. "Sie haben nur für mich gekocht, nicht mitgegessen, weil sie zu wenig haben. Das war sehr traurig und berührend." Ein anderer Schüler hat zusammen mit den Nachbarn seines Partners gegessen - im Haus der Nachbarn, weil das eigene Heim nicht "gut genug" war. Große Scham, großartige Nachbarschaft. "Ich habe eine Hausführung bekommen", erzählt Christina. ",Hier das Wohnzimmer, da die Küche‘, hieß es - dabei war die Hütte im Ganzen so groß wie mein Bett."

Mehr Demut, Entspanntheit und Wertschätzung für kleine Dinge: Das ist es, was die 17 Jugendlichen mit zurück nach Sandhausen nehmen. "Wohlstand ist nicht Reichtum, sondern ein gutes Gefühl", bringt es Hannah auf den Punkt. "Dort haben die Menschen so wenig, aber helfen einander. Hier wird nicht einmal ,Guten Morgen‘ gesagt." Wird Zeit, das zu ändern.

In der Rhein Neckar-Zeitung gibts den ganzen Artikel mit einer Fotogalerie.