Zukünftige Grundschullehrerin lernt an der German Church School

2017 02 23 Müller Christina 107b 200pxIch sitze auf einer Holzbank, meine Knie unter dem Tisch eingeklemmt,  umringt von Kindern, die wild durcheinander reden: „How are you?“ „What‘s your name?“ „Wie alt bist du?“  „Hast du eine Schwester?“ „You have got beautiful hair.“

Ich werde fröhlich von der Klasse begrüßt, lerne die  Englisch- und Deutschkenntnisse der Kinder kennen und einige Hände befühlen meine Haare. So oder so ähnlich läuft es ab, wenn ich in den ersten Tagen meines Praktikums an der German Church School in Addis Abeba ein Klassenzimmer mit 35 bis 42 Schülern und Schülerinnen betrete.

Seit drei Tagen bin ich nun Praktikantin an der German Church School. Grundschullehrerin möchte ich schon werden, seit ich selber in der achten Klasse war und den Traum eine Reise nach Afrika zu machen, hatte ich auch schon während meiner Schulzeit. Nun lässt sich beides miteinander verbinden, da ich die Möglichkeit bekommen habe ein Praktikum, welches ich für mein Grundschullehramt Studium benötige, in Addis Abeba zu absolvieren.

Meine ersten Eindrücke? Unglaublich vielfältig! Da ich nicht alle aufschreiben kann, erzähle ich Euch einfach von meinem heutigen Tag:

Er begann damit, dass es mich Überwindung kostete unter meiner warmen Bettdecke hervorzukriechen, denn hier in Addis Abeba ist es nicht so warm, wie man vielleicht vermutet, wenn man an Afrika denkt. Als nächstes drehte ich beim Händewaschen den linken von zwei Wasserhähnen auf, wie man das in Deutschland eben macht, wenn man am liebsten warmes Wasser hätte. Eine hellbraune Brühe kam heraus – ok, also benutze ich eben in Zukunft nur den rechten Wasserhahn. Um zur Schule zu kommen, wollte ich heute den Minibus nehmen und nicht laufen. Schade, dass auf den Bussen nur mit Amharischen Schriftzeichen gekennzeichnet ist, welches Ziel sie haben. Deshalb fragte ich also zur Sicherheit mal nach. Dann stellte ich mich in einer langen Schlange an und ergatterte schließlich einen Platz in einem Bus, der etwas größer war als die Autos von Großfamilien in Deutschland. Der einzige Unterschied: Auf elf Sitzplätzen quetschten sich hier achtzehn Leute!

In der Schule angekommen wurde ich wie jeden Morgen herzlich von den Lehrern und Lehrerinnen begrüßt und bekam meinen fertigen Stundenplan. Ich darf in verschiedene Jahrgänge in verschiedene Fächer hineinschnuppern. Mein Tag begann mit zwei Stunden Englisch. In der Pause wurden die Kinder und auch alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Schule mit sattmachenden Broten und wichtigen Nährstoffen enthaltenden Bananen und Milch versorgt. Danach folgte eine Stunde Biologie in der die achte Klasse, die Fotosynthese erklärt bekam. Das Lehrbuch dort war auf Englisch, während in der darauffolgende Stunde in Naturwissenschaften der fünften Klasse auf Amharisch geschrieben und gesprochen wurde – was das Thema war? Ich weiß es nicht!

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In der Mittagspause versuchte ich dann, mir eine Sim-Card zu besorgen und mein Handy zu registrieren, um hier telefonieren zu können. Allerdings muss ich morgen nochmal wiederkommen, da das System zum Registrieren der Handys heute leider nicht funktionierte. Zurück im Lehrerzimmer wurde ich gut versorgt und zwar mit Injera. Zuerst wurde ich aufgefordert, mir die Hände zu waschen. Ein dünner Sauerteigfladen aus dem Getreide Teff wurde dann auf einem großen Teller ausgerollt und verschiedene Soßen, Gemüse, Fleisch und Fisch darauf verteilt. Mehrere Personen die darum herum saßen, aßen von diesem „Essensberg“ mit den Händen, wobei sie gut aufpassten, dass ich genug abbekam und mehrmals nachfragten, ob es mir schmecke. Die Lehrer und Lehrerinnen die bei uns nicht mitaßen hatten ihr eigenes Injera mit verschiedenen Soßen- und Gemüsevariationen in ihrer Brotdose dabei – wie eine Mittagspause in Deutschland, nur dass eben alle Injera aßen. Zum Abschluss wurde wieder gut aufgepasst, ob ich mir die Hände wusch.

Am Nachmittag war ich eine Zeit lang in den Integrationsräumen. Die Selbstverständlichkeit mit der sich die Schüler und Schülerinnen mit und ohne Behinderung  gegenseitig helfen, kann man sich hier abschauen.

Im Anschluss half ich beim Deutschunterricht mit 16 Schülern und Schülerinnen der fünften Klasse. Der Unterricht erinnerte mich an meinen früheren Englisch- und Französischunterricht, bei dem hauptsächlich im Arbeitsheft und an der Tafel gearbeitet wurde. Es wurde geübt sich zu begrüßen, sich vorzustellen und etwas über seine Hobbys, sein Lieblingsfach und seine Familie zu erzählen. Ich habe mir die Lehrwerke bereits genauer angeschaut und festgestellt: abwechslungsreichen Fremdsprachenunterricht zu gestalten ist gar nicht einfach. Hier werde ich für mein Deutschstudium sicher einige Erkenntnisse gewinnen und die Möglichkeit bekommen verschiedene Methoden auszuprobieren – meine erste Stunde in der ich Deutsch als Fremdsprache unterrichte und gleichzeitig meine erste Stunde, die ich in einer fünften Klasse halten werde, folgt morgen.

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Nun ist schon wieder ein Tag vorbei. Bevor ich mir eine Kleinigkeit zu essen mache – wobei  der Abwasch wohl auf morgen verschoben werden  muss, denn in der Küche habe ich gerade aus irgendeinem Grund kein fließendes Wasser – möchte ich Euch nur noch von einer Sache, die ich von hier gerne mitnehmen möchte, berichten: Die Entspanntheit und die Herzlichkeit aller Mitarbeiter an der Schule. Täglich werde ich von allen mit einer Umarmung begrüßt, andauernd gefragt wie es mir geht und ob alles in Ordnung ist. Sogar die Schulleiter fragen jedes Mal nach, wenn sie mich sehen und laufen nie einfach so vorbei. Gestresst habe ich noch keine einzige Lehrkraft erlebt.

Ich bin gespannt, was ich noch alles während meiner Zeit hier lernen darf und freue mich auf die nächsten Tage!

Christina Müller